feucht fröhliches jubiläum - ein bericht

November 11, 2009 | Aftermath 23, 3175 | 14:23

9. november - 20 jahre mauerfall - mitten im zentrum des geschehens

mein mitbewohner lasse und ich, beide unverbesserliche videonerds, hatten am sonntagabend die grandiose idee, die feierlichkeiten rund um den 9. november für die nachwelt auf magnetband zu bannen…

…die erwartungen hielten sich von vornherein in grenzen, dennoch schlich sich bei uns eine art hoffnung auf spürbare historie und feierlichkeit ein, die uns trotz angekündigtem regen montag nachmittag den arsch hochkriegen liess.

wir zogen hochmotiviert los, als es gerade dunkel geworden war - perfektes timing für videoaufnahmen ohne extrabeleuchtung. das bvg ticket war beim prekären dealer am schlesi schnell für nen euro gekauft, trotz vergangener schlechter erfahrungen mit zwar raffinierten, aber dennoch nutzlosen fälschungen, die einem letztendlich nur stress mit dem kontrollpersonal einbrachte. in der u-bahn trafen wir natürlich auch gleich nach dem einsteigen mehrere feixende bvg kontrolleure an, die sich ja mit ihrem penetrant asozialen und aggressiven habitus schon ankündigen, wenn sie noch nicht mal im zugabteil sind. da jeder von ihnen aber schon zielsicher ein wehrloses opfer gefunden hatte, dass dem natürlichen beuteschema tourist, migrant, oder intellektueller  entspricht, musste mein illegitim erworbenes ticket keinem geschulten hyänenauge ob der echtheit stand halten und wir konnten unbehelligt umsteigen.

am u-bahnhof bernauer straße wurden wir von strömendem regen begrüßt, menschen huschten unter ihre schirme gekauert an uns vorbei in die rettende trockenheit der bahnstation. in richtung mauerpark war keine menschenseele zu sehen, aber unser erstes motiv war trotzdem schnell gefunden: die silber schimmernde mauerspringer-skulptur zum gedenken an den grenzsoldaten Hans Conrad Schumann, der am 15. august 1961 spontan die chance ergriff und über den provisorischen stacheldrahtzaun vom osten in den westen hinüberfloh. einsam schwebte die figur über dem fetzen grün überwucherten mauerstreifen, dahinter ragten die ersten fertiggestellten hochpreisigen ökoloftwohnhäuser in den verregneten abendhimmel. der entschlossene blick und die gestik des mauerspringers vor diesem hintergrund eröffnete uns die eigentliche tiefere bedeutung des kunstwerks: die entschlossene flucht, fort aus diesem totsanierten stadtviertel der neuen berliner mitte, vielleicht die vertreibung von geschichte und authentizität durch den unaufhaltsamen prozess der sogenannten gentrifizierung, dem überstülpen einer überteuerten yuppie-traumwelt-blase über die säufzende, erinnerungsüberladene seele der häuser und straßen rund um die bernauer straße.

uns kam in den sinn, in richtung nordbahnhof zu laufen, um das eigentliche herz der erinnerung an den todesstreifen zu besuchen: das mauermuseum.
ausser einem einsamen übertragungswagen des polnischen fernsehens und einer verlassenen, provisorisch in plastikfolie eingewickelten fernsehkamera war dort niemand zu sehen. ein paar durchnässte touristen hatten im foyer des museums schutz vor dem regen gesucht, einer schoss aus langeweile durch das fenster ein paar bilder von den hell erleuchteten mauerresten auf der anderen straßenseite. wir wollten auf den aussichtsturm des museums steigen, von dem aus man den zur mahnung so belassenen todesstreifen jenseits der mauer sehen kann - ein einmaliges motiv für unsere videoaktion. leider wurden wir von einer gelangweilten museumsmitarbeiterin freundlich aber bestimmt mit der information abgewiesen, das museum schliesse um 18:00, wir sollen doch morgen wiederkommen. am zwanzigsten jahrestag des mauerfalls schliesst das mauermuseum als sei es ein total normaler wochentag? irgendwie traurig, aber nicht zu ändern. zum abschluss dieser station unserer planlosen tour schossen wir noch ein paar impressionen von der hell erleuchteten mauer und machten uns auf den weg weiter zum nordbahnhof.

mit der stinkenden s-bahn fuhren wir gen süden, mein bvg-ticket hatte noch ganze 3 minuten gültigkeit, aber das sollte hinhauen. kein kontrolleur war weit und breit auszumachen und wir wurden von der so üblich genervten berliner nuschelstimme des zugfahrers mit einer durchsage begrüßt, die bahn würde heute “bis auf weiteres” nicht am brandenburger tor halten, aufgrund der jubiläumsfestivitäten. einige touristen um uns herum stöhnten daraufhin verzweifelt und murmelten flüche in verschiedenen sprachen in ihre schals und mantelkragen. am potsdamer platz liessen wir uns von der spektakelgeilen masse einfach mitreissen und durch das gedrängel des bahnhoflabyrinths die treppen hinauftreiben, raus in den strömenden regen in ein meer tropfender und zerknitterter menschen unter tropfenden und zerknickten regenschirmen, begleitet von depressivem musikgedudel und den verzögerten echos der RBB moderation auf den blendend hellen LED-leinwänden, die von überall auf die nassen menschen herabblickten. lasse fand im rinnstein einen kaputten billigschirm, der aber noch einigermassen zu gebrauchen war und der uns zumindest als kameraschutz dienlich sein könnte. bereits völlig durchweicht und mit einer mischung aus schlechter laune und zynischer albernheit kämpften wir uns grinsend durch die ziellos irrenden leute in richtung des einladenden duftes nach weinachtspunschgepansche. der glühweinstand war ein euphorisierender lichtblick im dunkel des skurrilen feierabends und wir verwöhnten uns mit becherovka gepimptem glühwein aus styroporbechern und filterzigaretten. die LED leinwände zeigten mittlerweile die ZDF liveübertragung von der hauptbühne am brandenburger tor und man fühlte sich fast in die zeit vor der wende zurückversetzt, mit westdeutschlands grinsender löwenmähne thomas gottschalk im bild, debile witzchen reissend und zwanghaft nach pathos ringende platitüden brabbelnd. in die traurige realität der gegenwart wurde man zurückgerissen, als der kameraschwenk über das promipublikum neben dem überaussenminister genscher unseren neuen vizekanzler guido westerwelle zeigte. ein stechender schmerz durchzuckte mich bei dem anblick - aber gottseidank wechselte das bild zu berlins lieblingsbrummbär klaus wowereit, wie er verzweifelt versuchte, mit einer art automatisch abgespulten rede stimmung bei den anwesenden berlinern und nichtberlinern zu wecken. hillary clinton und medwedew im publikum übten sich im grinswettbewerb und immer wieder wurde die lange strecke gezeigt, wo als höhepunkt des abends tausend riesige dominosteine zu fall gebracht werden sollten, symbolisch für die berliner mauer.

irgendwie überkam uns der gedanke, man könnte sich diesen karneval der skurrilitäten auch gemütlich im wohnzimmer zuhause im fernsehen anschauen - aber wenn man jetzt schonmal hier sei, müsse man auch noch etwas feierliche stimmung mitnehmen. also quetschten wir uns weiter durch triefnasse regenjacken- und plastiktütenmenschen, vorbei an nach verlorenen touristen suchenden reiseleitern, betrunkener brandenburger dorfjugend und beeindruckt vor sich hin staundender franzosen. durch die mitte des stromes zum brandenburger tor gab es kein weiterkommen, also versuchten wir es über die flanken, was anfangs auch gelang - zumindest bis zu der armada von dixi-klos, die entlang einer seite des großen holocaust-mahnmals standen und tropften.

von dieser stelle aus wagten wir einen weiteren video-kameraschwenk über die langsam kriechende herde aus bratwurstfressenden, glühweinbeduselten und die dickbäuchigen schirmträgern, die in ihrer extatischen lethargie dem dominospektakel entgegensahen, oder vielleicht auch dem gitarrengejaule und geheule von jon bon jovi - wir wussten es nicht.

der einzige, zwar nur kurz andauernde, aber dennoch spürbare augenblick des kurzen in-sich-gehens, des aufblitzens von historie, überkam mich beim durchqueren des nass-grauen stelenfeldes zum gedenken an die ermordeten juden europas. die reichskristallnacht kam mir in den sinn, deren jubiläum sich an diesem skurrilen neunten november ebenfalls jährt - zum 71. mal. das bild der “mauer in den köpfen” kam mir in den sinn, aber es deprimierte, also nippte ich beherzt an meinem lauwarmen glühwein und wir schritten weiter durch das stelenlabyrinth in richtung amerikanische botschaft. verstecken spielende schüler, nachdenklihe touristen und wie wir eine abkürzung suchende einheimische huschten zwischen den steinen umher, blieben mit ihren schirmen stecken, prallten an einander.

auf der anderen seite stand ein beeindruckender corso von blauen und grünen polizeiwagen und -bussen, die wir auch prompt filmen wollten. daran wurden wir jedoch von einem netten polizeibeamten gehindert, der zusammen mit privaten und amerikanischen wachleuten die US-botschaft bewachte und uns darauf aufmerksam machte, doch bitte den “amerikanischen boden” zu verlassen und zwei meter weiterzugehen. wir folgten artig seinem hinweis, grübelten aber kurz darüber nach, welche legitime exekutivgewalt ein deutscher polizist denn überhaupt auf amerikanischem boden habe…

meine füße waren mittlerweile komplett durchnässt, lasses jacke sah auch nicht gerade wasserabweisend aus, der glühwein war leer, und die chance irgendwie noch nur in die nähe des brandenburger tors zu kommen, war utopisch - also entschlossen wir uns, in richtung friedrichstraße durchzukämpfen, unser videoprojekt einfach zu begraben, und nach hause zu fahren.

festliche stimmung und emotionen waren bei uns nach den letzten stunden sowieso nicht mehr zu wecken, jede minute, die wir länger diesem nass-kalten spektakel ausgesetzt sein würden, hätte negative auswirkungen auf unsere erinnerung und das bereits vorhandene bewusstsein für die wichtigkeit dieses historischen jubiläums.

deutschland feiert. deutschland gedenkt. was übrigbleibt, sind unendlich wiederholte archivsequenzen, geschichtsverballhornung, floskeln und ein verzerrtes abbild dessen was eigentlich wichtig gewesen ist. ich freue mich auf 20 jahre wiedervereinigung im nächsten jahr in einem gespaltenen land…

prost!



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